Frank Strobel hat sich als Dirigent von Film-Konzerten bereits einen Namen gemacht. Aufgewachsen in einem höchst cineastischen Umfeld – seine Eltern betrieben ein Kino – fiel einst dem damals 16-Jährigen die Partitur zu Metropolis in die Hände, die er neu arrangierte und zum Film spielte. Diese musikalisch-kreative Initialzündung legte den Grundstein zu Strobels Passion – der Filmmusik. In Wien dirigierte er das RSO und die Wiener Singakademie, den Chor des Konzerthauses, der von Heinz Ferlesch einstudiert worden war, zu einem besonderen filmischen Leckerbissen. Im Vorjahr kam zum ersten Mal die Originalmusik von Sergej Prokofjew unter Strobel beim Musikfest Berlin für Sergej Eisensteins 2-teiligen Filmepos „Iwan der Schreckliche“ wieder zum Einsatz. Im Wiener Konzerthaus erlebte man nun die Österreichische Uraufführung.

Eisenstein und Prokofjew arbeiteten parallel an dem Werk, das Filmgeschichte schrieb. So legte einmal Prokofjew sein musikalisches Material vor, das vom Regisseur in Szene gesetzt wurde. Ein anderes Mal wieder verfuhren die beiden umgekehrt –  die Vertonung folgte den Dreharbeiten. Im zweiten Teil steht das gesprochene Wort verstärkt im Vordergrund und belässt viele Monologe – vor allem jene von Iwan – unorchestriert.

Ein Auftragswerk von Stalin

Iwans Biographie war ursprünglich als 3-Teiler angelegt und von Stalin in Auftrag gegeben worden. Auf den ersten Teil, von ihm hochgelobt, folgte der zweite, der Iwans unbarmherzige Regentschaft in den Vordergrund stellt. Dieser fiel der Zensur zum Opfer und wurde erst fünf Jahre nach Stalins Tod, 1958, aufgeführt. Der dritte Teil wurde nie realisiert. Obwohl der Film von seiner Machart her zum Teil wie ein Stummfilm wirkt, war er von Beginn an als Tonfilm konzipiert. Mit der musikalischen Ausstattung auf höchstem, künstlerischem Niveau schwebte Eisenstein auch eine Art Erneuerung des Musiktheatergenres vor. Und so ist Prokofjews Musik auch weit von jenen gefälligen Sounduntermalungen entfernt, die normalerweise für Stimmung bei Kinofilmen sorgen.

Die Charaktere wirken durch Eisensteins besondere Kameraeinstellungen mit vielen Close-ups und der Vermeidung unnötigen Beiwerks, wie aus Linol geschnitzt. Der häufige Einsatz von Schattenszenen verleiht dem Geschehen teilweise einen hoch dramatischen Touch.

Der Dirigent Frank Strobel (c) Konzerthaus

Dies wird durch die Schwarz-Weiß-Gebung zusätzlich verstärkt. Erst eine Gelage-Szene im zweiten Teil wurde koloriert, sodass das Gefühl der Ausgelassenheit und Trunkenheit, des bachantischen Zustandes beim Publikum verstärkt wird. Frank Strobel hat bei diesem Dirigat nicht nur die Aufgabe, das Orchester und den Chor sicher durch die Partitur zu leiten. Er ist auch dafür verantwortlich, dass dies sekundengenau synchron zum abgespielten Film passiert, denn in einigen Szenen „singen“ die Protagonisten, was bedeutet, dass gerade an diesen Stellen zeitliche Ungenauigkeiten extrem auffallen.

Prokofjews musikalischer Ideenreichtum

Prokofjew verwendete neben volkstümlichen Passagen auch einen tiefen Orchester-Wohlklang wie er im 19. Jahrhundert vorherrschte und versah zusätzlich einzelne Chorpassagen mit typischer Melodik aus dem orthodoxen Ritus. So wie die einzelnen Figuren im Film über die beiden Teile hin altern, so gestaltete auch der Komponist seine Musik. Iwan wird, wie auch den anderen Hauptfiguren, ein Leitmotiv zugeschrieben. Dieses erscheint in den Szenen, in welchen er als junger Zar zu sehen ist, hochromantisch und verspielt. In einem der letzten Takes, in welchem Iwan, sichtlich gealtert, über die Bürde seines Amtes spricht, kommt zwar abermals das Leitmotiv zum Einsatz, jedoch wesentlich verlangsamt und wesentlich dunkler in der Klangfarbe. Dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie komplex die Partitur von Prokofjew angelegt und wie sehr das Geschehen von ihm von Anfang bis zum Schluss musikalisch durchdacht war. Die überaus farbenreiche Komposition untermalt höchst illustrativ das filmische Geschehen. Ob Glockengeläute, Fanfaren, Trauerchöre, ob eine zarte Melodie, welche den Schlaf der jungen Zarin begleitete, ob eine wilde, temporeiche Jagd durch den gesamten Orchesterapparat bei Kampfszenen oder ein holpernder Marsch während der Einkleidung des schwachsinnigen Zarenrivalen, Prokofjews musikalischer Ideenreichtum erscheint schier unbegrenzt.

Marina Prudenskaya, welche der eifersüchtigen Tante von Iwan, Euphrasia, ihre Singstimme lieh, überraschte mit einem knallroten, engen Korsett und einem langen, schwarzen Rock. Ihr kräftiger Mezzosopran überzeugte schon beim Vorspiel, in welchem „Das blaue Meer“ eine musikalische Huldigung erfährt. Zugang zum Meer innerhalb der eigenen Staatsgrenzen war eines der Hauptmotive von Iwan für seine Eroberungsfeldzüge in die Nachbarländer. Das musikalische Meeresmotiv findet sich auch in einer späteren Szene, in welcher der Zar über die Eroberung von Litauen sprach, mit der er sich den Meereszugang für Russland erhoffte. Alexander Vinogradov verlieh Zar Iwan seine Singstimme, passend mit einem voluminösen Bass ausgestattet.

Die Geschichte, in der die gewaltsame Vereinigung der russischen Fürstentümer unter Iwan aufgerollt wird, hat nicht nur historische Dimensionen. Der Krimkrieg, die Auseinandersetzungen mit Europa, die Rivalitäten mit Litauen – all dies kommt dabei zur Sprache. Bis hin zum Handelsembargo, ausgelöst durch litauische und hanseatische Seesperren für englische Schiffe. Der aktuelle Zeitbezug ist absolut verblüffend.

Das heftig akklamierte Konzert im Wiener Konzerthaus, welches auch am Ende des 38. Internationalen Musikfestes stand, wies – kaum verwunderlich – auch einen hohen Anteil an russisch sprechendem Publikum aus. Ein Highlight, das auch Lust auf die kommende Saison machte.

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