Opulentes Theater im Niemandsland zwischen gestern und heute

Eine der großen Produktionen, die das ImpulsTanz Festival diesen Sommer nach Wien brachten, war Jan Lauwers „The blind poet“. Mit seiner Needcompany füllte er damit zweimal das Volkstheater bis auf den letzten Platz.

Sieben Portraits ersetzen eine ganze Geschichte

Dabei war es keine in sich zusammenhängende Geschichte, die Lauwers erzählte. Vielmehr setzte er auf die Kraft von einzelnen Biographien, die er mit dem Begriff „Portrait“ übertitelte. Ob nur gut erfunden oder tatsächlich wahr, spielte dabei keine Rolle. Die Bühnenpräsenz, welche sein Ensemble dabei zeigte und die musikalische Begleitung, die vom überdeckten Orchestergraben direkt vor den Agierenden live produziert wurde, waren fesselnd genug.

Dazu kam ein sich ständig veränderndes Bühnenbild, in dem absurde Gegenstände genauso Platz fanden wie solche, die aus einem Gemälde oder einem Traum entsprungen sein hätten können. So hantierte Maarten Seghers mit einem riesigen Gerät, angesiedelt zwischen einer Wippe und einer überdimensionierten Schleuder, auf dem kopfüber ein totes Pferd hing. Dass sich dieses durch einen ganz einfachen Theatertrick zeitweise verlebendigte, machte klar, dass man auch heute noch dem Zauber des Theaters im Handumdrehen erliegt. Einem Zauber, der ganz ohne jegliche Elektronik und Computertechnik auskommt und vielleicht gerade deswegen so bezwingend wirkt. Die beiden riesenhaften, geometrisch abstrahierten Ritter, die gegeneinander die Schwerter schwangen, sowie ein aufblasbares Monster aus grauem Plastik, das sich der Bühne bemächtigte, erinnerten an die einst futuristische Ästhetik des triadischen Balletts.

Wie man sich selbst ein Bühnendenkmal setzt

Den Beginn des Abends machte Grace Ellen Barkey, Frontfrau und Hauptchoreografin der Needcompany, die nach einem langen, theatralisch inszenierten Intro, in der sie nur ihren Namen deklamierte, über ihre multi-kulti-Abstammung erzählte. Wie vielfältig man seinen eigenen Namen auf der Bühne präsentieren kann, könnte Einzug in jede Schauspielausbildung halten. Barkey zeigte vor, wie man das kunstvoll macht, ohne das Publikum dabei zu langweilen. Ob schüchtern und zaudernd zu Beginn, oder rasend und Applaus fordernd am Schluss – in jedem Moment zeigte sie eine hochkonzentrierte Performance, mit der sie sich selbst zu Lebzeiten ein Denkmal setzte. Dass sich ihre Genealogie mit jener ihres Mannes vor einigen Jahrhunderten kreuzte, mag vielleicht nur ein kluger, dramaturgischer Schachzug sein. Er bot jedoch die Möglichkeit, sich die individuelle Geschichte der Menschen in einem größeren historischen Kontext zu denken, der schließlich für alle Europäer Parallelen aufweist.

Ihre Erscheinung – angesiedelt zwischen einer grazilen Fern-Östlichen Tänzerin und einem tollpatschigen Clown, wird sich an diesem Abend für andere Nebenrollen noch wandeln. Dennoch bleibt das Bild der bunt gekleideten, mit einem üppigen Kopfschmuck ausgestatteten Frau mit den übergoßen Schuhen, bis zuletzt und darüber hinaus im Gedächtnis haften.

Biographien von berührend bis spannend, jede hoch emotional

Ihr folgen ein schwarz-weiß gekleideter Countrysänger, ein von den Wikingern abstammender Musiker und seine Frau, die friesische Vorfahren hat, ein Mann, dessen Vater ein Trunkenbold und die Mutter eine Hure war, ein junger Tunesier, der seinen schönen Körper als sein einziges Kapital vorweisen kann und Maarten Seghers, der sich als Neffe von Lauwers zu erkennen gibt. Die Aufmerksamkeit, die das Publikum dabei aufbringt, zeigt deutlich, wie sehr der Wunsch nach Geschichten in den Menschen verankert ist. Als immer wieder auftauchender, roter Faden, fungiert der Hinweis auf einen „blinden Poeten“. Sei es Homer, der sich die Geschichte um Troja ausdachte, oder auch Abu l-‘Ala al-Ma‘arri
und Wallada bint al Mustakfi, die im arabischen Raum seit über 1000 Jahren verehrt werden.

Mohamed Toukabri, der als Bindeglied zwischen der arabischen und europäischen Kultur fungiert, macht deutlich, dass die eigene kulturelle Werteskala eine ist, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Dennoch bleibt sie regional begrenzt und kann nicht als Maßstab für die ganze Welt herangezogen werden.

Maarten Seghers zeigt sich als Multitalent

Dass der Abend, trotz seiner Länge und einer Pause, extrem kurzweilig wirkt, verdankt er nicht zuletzt auch Seghers, der nicht nur seine packende Vorfahrengeschichte präsentierte, sondern auch für die musikalische Begleitung zuständig war. Von sanften Klänge bis wildem Hard Rock erstreckte sich die Bandbreite, wobei die Möglichkeit, den Musikern zuzusehen, einen weiteren Reiz verbreitete. Im letzten Jahr präsentierte er in der Reihe (8:tension) eine eigene Performance, die ihn von einer ebenso extrovertierten Seite zeigte wie er sie in dieser Produktion auf die Bühne brachte.

Die Postmoderne hat uns gelehrt, dass es keine großen Erzählungen mehr gibt denen man, ohne sie zu hinterfragen, folgen kann. Jan Lauwers hat daraus eine Tugend gemacht und diesen großen Erzählungen viele kleine entgegengesetzt, die dennoch eine große Aussage bereit hielten: Egal ob deine Vorfahren Säufer und Huren waren, ob du aus edlem Hause stammst oder als Junge die Zahnprothese deines Vaters in Bordellen suchen musstest, egal ob du aus Belgien, den USA oder Afrika stammst, was zählt, ist die Gemeinschaft, zu der du dich letztendlich bekennst. Und die Fähigkeit, den anderen sein zu lassen, wie er ist.

„The blind poet“ von Jan Lauwers und seiner Needcompany ist ein wunderbares Stück, das vielen das zurückgibt, was schon verloren schien: Einen Theaterabend der verzaubert, der das Publikum aus der Gegenwart kickt und ihm ein paar Stunden bereitet, in denen es seine eigene Biographie komplett vergessen darf.

Mit: Grace Ellen Barkey, Jules Beckman, Anna Sophia Bonnema, Hans Petter Melø Dahl, Benoît Gob, Maarten Seghers, Mohamed Toukabri, Elke Janssens, Jan Lauwers

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