Helles, das der Seele schmeichelt

Von Michaela Preiner

“Rothko Chappel” (Foto: Markus Sepperer)

23.

November 2017

Sphärisches aus zwei Generationen erklang bei Wien Modern in einem außergewöhnlichen Ambiente: der Wohnparkkirche Alt-Erlaa.

Zeit und Ort waren für ein Konzert des Festivals ungewöhnlich. Sonntag zu Mittag trafen sich mehrere hundert Menschen in der bis zum letzten Platz randvollen Wohnparkkirche Alt-Erlaa. Die Location war im Hinblick auf das Programm gut ausgesucht. Neben zwei Werken von Klaus Lang war auch Morton Feldmans „Rothko Chapel“ zu hören. Jenes Stück, das er in Erinnerung an Mark Rothko für die gleichnamige, interkulturelle Kapelle schuf, die mit Bildern von Rothko ausgestattet wurde. Die Kirche in Alt-Erlaa passt für eine Aufführung dieses Werkes deswegen so gut, weil auch sie, wie die Rothko Chapel, ein nicht allzu großer Zentralbau ist und nur 14 Jahre danach in Wien eröffnet wurde.

Rothko Chapel

Feldman, einer der wichtigsten amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, schuf mit dem Stück ein Werk, auf das eine seiner Aussagen besonders zutrifft: „Die Klänge sollten für sich stehen – wie Skulpturen im Raum – ohne auf etwas zu verweisen oder etwas anderes abzubilden als sich selbst.”  Es wurde von der Company of Music, begleitet vom Ensemble MUK.wien.aktuell unter der Leitung von Johannes Hiemetsberger in die Mitte der beiden Lang-Kompositionen eingebettet. Das ruhige Stück, zu dem sich Feldman von Rothkos 14 Bildern inspirieren ließ, die in der Kapelle im südlichen Texas hängen, wird mit einem leisen Paukenwirbel und einer einsetzenden, ins Ohr gehenden Geigenmelodie eröffnet. Feldman schrieb dazu, dass er diese Melodie schon mit 15 Jahren komponiert hätte – am Ende rahmt sie das Gehörte noch einmal ein. Dazwischen hält das Instrument immer wieder eine kleine Zwiesprache mit einem Sopran. Der vielstimmig gesetzte Chor folgt keinem Text, sondern wird mehr leise gesummt als mit offenem Mund gesungen. Dadurch ergibt sich streckenweise der Eindruck einer kollektiven Trauer oder auch einer leisen Klage, die sich erst zum Schluss, durch die Geigenmelodie wieder verflüchtigt.

“Rothko Chappel” (Foto: Markus Sepperer)

New zealandic skies

Gut ausgesucht dazu war Klaus Langs reines Vokalwerk „new zealandic skies“, mit dem das Konzert schon im Vorraum eröffnet wurde. Ein tiefer Summton verdichtete sich zusehends und durch die Verteilung der Singenden unter dem auf Einlass wartenden Publikum, verbreitete sich der Klang völlig richtungslos. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, formierte sich auch der permanent weiter summende Chor und performte einen leisen, harmonisch gesetzten Choral, der zart und verhalten erklang. Der Wohlklang, der den Raum durchflutete, veranlasste viele Menschen, die Augen zu schließen und sich ganz der Musik zu widmen. Dadurch entstand eine sehr innige Atmosphäre, die selten in Konzertsälen so zu erleben ist. Wie die Sängerinnen und Sänger gekommen waren, verließen sie schließlich auch wieder den Raum. Einzeln und summend. Den Nachklang des letzten zu vernehmenden Tones kann man ohne Übertreibung mit magisch bezeichnen. Ein Stück wie dieses wäre ohne den Vorreiter des Wohlklanges in der Musik des 20. Jahrhunderts, Arvo Pärt, vielleicht nicht zustande gekommen. Es ist ein großer Fortschritt, dass heute Werke wie „new zealandic skies“ nicht gegen verbissene Tonalitätsverweigerer verteidigt werden muss, sondern gleichberechtig als zeitgenössische Komposition daneben stehen kann.

la vaca translucida

Das letzte Stück des Konzertes, „la vaca translucida“, ebenfalls von Lang, ergab auch eine wunderbare Verschränkung mit Feldmans zuvor gespieltem Werk. Nicht nur, dass sich Lang dafür auch von Bildern von Zurbaran und Zobel beeinflussen ließ. Es war die Ruhe, die das Werk ausstrahlt, aber auch einige kompositorische Äquivalente, die Instrumentierung und der Eingangspart, der sich am Schluss noch einmal zeigt, die diese Verbindung so plausibel erscheinen ließ. Geschrieben für Chor, Flöte, Schlagzeug, Klavier und Viola war es mit 42 Minuten auch das längste des Programmes. Auch hier eröffnete ein leiser Percussionwirbel – in diesem Fall allerdings jener eines Gonges, auf den der Chor bald eine – für dieses Werk so typische – Klangformation aufbringt. Langsam, breit und getragen summt er ständig sich verändernde Vokale, die ineinander überfließen. Genauso fluid gestalten sich auch die Tonskalen, die durch stufenlose, gesummte Glissandi erreicht werden. Durch den mehrstimmigen Satz ergeben sich dadurch zeitweise dissonante Unschärfen, die sich jedoch in ohrenschmeichelnden, harmonischen Akkorden auflösen, die zum Teil länger im Raum stehen bleiben. Dieses Schärfe-Unschärfe-Verhältnis ist das typischste Charakteristikum dieses Werkes, das zugleich hoch emotional unter die Haut geht. Unmerklich übernimmt eine Instrumentalpartie mit Klavier, Viola und Glocken die Führung und verweist den Chor in eine im Pianissimo durchgeführte Begleitung. Überraschend gestaltet sich ein dritter Teil, den das Klavier führend übernimmt. So, als wolle es die zuvor verwischten Strukturen klären, baut es ein Grundgerüst von Akkorden auf, klar und deutlich, langsam voneinander abgesetzt und bildet dadurch einen starken Gegensatz zu den menschlichen Stimmen. Das Instrument ist nicht, wie die menschliche Stimme, in der Lage, stufenlose Skalen wiederzugeben, was in dieser Gegenüberstellung unglaublich stark auffällt. Ein langer Chorteil, der wieder mit der Schärfe-Unschärfe-Relation agiert und ein leiser Paukenwirbel, der an den Beginn erinnert, beendet das sphärisch schöne Stück. Die lange, anschließende, hoch konzentrierte Pause, mit der Johannes Hiemetsberger den Applaus hinauszögerte, betonte noch zusätzlich die Stille, mit der der vollbesetzte Raum aufgeladen war.

Das Konzert mit dem Titel „Rothko Chapel“, in dem sich die Zuhörenden auf lange Strecken völlig kontemplativ versenken konnten, war das absolute Gegenteil zu jenem von „Two Whiskas“ – nachzulesen hier. Ein wunderbarer Beweis, dass es DIE zeitgenössische Musik nicht gibt, sondern nur Kompositionen, die, miteinander verglichen, auch ein Hörspektrum von 360 Grad aufweisen können, was ihre unterschiedlichen Ästhetiken betrifft. Der Suchtfaktor dieses Konzertes wird lange nachwirken.

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