Rumänisches Tagebuch

Von Michaela Preiner

„Constanța“ (Foto: Marian Adochiței )
18.
Jänner 2018
W er meint, die Theaterlandschaft in Europa könne man mit einem Satz beschreiben, irrt gewaltig. Nicht nur, dass es „die Theaterlandschaft“ gar nicht gibt. Genauso wie es einen regionalen und einen nationalen Kunstmarkt gibt, kann man im Theaterbereich diese beiden Bezeichnungen ebenso einziehen. Die dritte Kategorie aber, die im Kunstmarkt gang und gäbe ist und preisbestimmend wirkt, der internationale Kunstmarkt, diese Kategorie kann man nicht eins zu eins auf das Theater übertragen.
Das hängt vor allem damit zusammen, dass es in Europa neben den 23 offiziellen Amtssprachen noch über 100 Minderheitensprachen gibt und sich vor allem das Sprechtheater damit an das jeweils regionale Publikum wendet. Allein dieser Umstand zeigt schon, dass die Bandbreite der Theatertradierungen zwangsläufig sehr groß ist. Nichts desto trotz gibt es dennoch internationale Strömungen, die an Landesgrenzen nicht Halt machen.

Dazu gehört nicht nur – um einige Schlagworte zu bemühen – das Regietheater, publikumsinteraktive Performances oder das postdramatische Theater. Sie alle fanden, wenngleich auch unterschiedlich stark, in so gut wie allen europäischen Ländern Aufnahme. Was das postdramatische Theater betrifft, gibt es wohl noch den meisten Aufholbedarf, wie eine kleine Bestandsaufnahme einer rumänischen Theaterregisseurin zeigte.

Carmen Lidia Vidu gastierte mit zwei Theatergruppen auf Einladung von Irina Wolf – einer profunden Spezialistin im Bereich des rumänischen Theaters – und mit Unterstützung des Rumänischen Kulturinstitutes Wien an einem Abend im Schauspielhaus. Beide Produktionen basierten auf derselben Idee: Vidu sprach während des Entstehungsprozesses mit den Schauspielerinnen und Schauspielern sowohl über deren Privatleben, aber auch über ihre Arbeit am Theater selbst. Danach wurde das Material gesichtet und die Einzelauftritte der jeweiligen Ensemblemitglieder zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt. Eine Vorgehensweise, die in Österreich nicht unüblich ist, in Rumänien jedoch noch für Aufsehen sorgt.

Was dabei herauskam, war nicht nur höchst interessant, sondern zugleich auch unterhaltsam. Nicht nur, dass sich die Schauspielerinnen und Schauspieler  von ganz persönlichen Seiten her präsentierten: Von lustigen, spannenden, von traurigen oder hoffnungsvollen. Sie berichteten von Kindheits- und Jugenderlebnissen, von ihren Partnerschaften, ihren Vorlieben, Abneigungen oder politischen Ansichten.

Sfântu Gheorghe (Foto:  Levente Vargyasi)

Durch die Thematisierung ihres Berufes und durch Erzählungen, die sich mit den Arbeitsumständen der jeweiligen Theater auseinandersetzten, erfuhr das Publikum gleichsam im Vorbeigehen jede Menge über den Stellenwert der Theater in den beiden Städten Constanța am Schwarzen Meer und Sfântu Gheorghe oder Sepsiszentgyörgy im Herzen Rumäniens, in der es eine ungarische Minderheit gibt. Constanța wurde dabei als öde, heruntergekommene Stadt am Meer präsentiert, die sommers von Touristen überlaufen ist, außerhalb der Saison jedoch nur mit Tristesse aufwarten kann.

Sfântu Gheorghe hingegen lernte das Publikum als verschlafene Kleinstadt kennen, bei der nach neun Uhr am Abend kein Mensch mehr auf den Straßen anzutreffen ist. Zugleich erfuhr man auch viel über die Mangelverwaltung an den Theaterhäusern, nicht zuletzt aber auch über die lebendige Hoffnung, mit dem Theatermachen in der Gesellschaft etwas bewirken zu können.

Die Inszenierungen „Constanța“ und „Sfântu Gheorghe“ leben sowohl von den unterschiedlichen Bühnen-Persönlichkeiten als auch dem Framing, in das ihre jeweilige Geschichte gebettet werden. Fotos aus dem Leben der Darstellerinnen und Darsteller und ihren Familien,  kleine Videosequenzen, Bilder aus den Theatern selbst, all das fügte sich zu stimmigen, extrem kurzweiligen Shows. Die gut lesbaren Übertitel ermöglichten ein leichtes Folgen der in rumänischer Sprache vorgetragenen Texte.

Die unterschiedliche Einbindung des Publikums an die beiden Theater, aber auch ihre divergenten Strukturen, auch das wurde quasi en passant sehr erhellend vermittelt.  Was in Rumänien bisher noch nie so wie in Wien gezeigt wurde, die beiden Produktionen an einem Abend hintereinander, macht unglaublich Sinn. Gerade dieses Setting führt diese Inszenierungen heraus aus der Begrenztheit eines regionalen, theatralen Umfeldes und zeigt eine Idee auf, die  überall in Europa funktionieren könnte.Tatsächlich hat Carmen Lidia Vidu, wie sie beim Publikumsgespräch erzählte, schon daran gedacht, eine neue Versuchsreihe in London zu starten.

Constanța (Fotos: Marian Adochiței)

Sfântu Gheorghe (Foto: Levente Vargyasi)

Carmen Lidia Vidu (Foto: persönliches Archiv )

Mit den beiden Produktionen, die unter dem Übertitel „Tagebuch zu Rumänien“ gezeigt wurden, begab sich die Regisseurin auf einen Weg, der nicht von Haus aus vorgezeichnet war. Ausschlaggebend, sich vom herkömmlichen Theater abzuwenden, war ein verheerendes Feuer 2015, bei dem in einem Club in Bukarest 64 Menschen ums Leben kamen. Die Unfähigkeit des Staates, die sich nach dieser Brandkatastrophe offenbarte, regte Vidu dazu an, vom Theater wegzugehen und mit Leuten zu sprechen, sie zu fragen, was sie denn eigentlich bewegt. Ihre Rolle bei den in Wien gezeigten Theaterproduktionen kann katalysatorisch gesehen werden. „Constanța war eine verbotene Stadt, die Leute konnten nicht für sich selbst sprechen“ – O-Ton Vidu. Ihre Inszenierung, in der auch die politischen Probleme angesprochen werden, sieht sie, aber auch viele, die das Stück gesehen haben, als ersten Schritt in die richtige Richtung.

„Auch wenn es zu Beginn schwierig und ungewöhnlich war, so haben wir doch nach und nach bemerkt, dass wir mit diesem Theater tatsächlich etwas bewegen können.“ Diese Aussage eines Schauspielers aus Sfântu Gheorghe ist etwas, was sich Theaterverantwortliche im deutschsprachigen Raum auf der Zunge zergehen lassen sollten. Nicht nur, dass Carmen Lida Vidu mit diesen beiden Arbeiten den Anschluss an international gültiges, zeitgenössisches Theater geschafft hat. Sie hat darüber hinaus etwas erreicht, was für viele Theatermachende nur ein Wunschtraum bleibt: Es ist ihr gelungen, im theatralen Umfeld mit diesen Low-budget-Produktionen ein Klima zu schaffen, dass eine Aufbruchsstimmung, gepaart mit einer Hoffnung, Diskussionen in Gang zu setzen,  erzeugt. Welche Regieverantwortlichen können das in Österreich im Moment von sich behaupten?

Auf der Bühne zu sehen waren:
Constanța: Turchian Guzin Nasurla, Mirela Pană, Lana Moscaliuc, Florina Stănculeț, Alina Manțu, Laura Iordan Adrian

Sfântu Gheorghe: Ion Fiscuteanu Jr., Daniel Rizea, Elena Popa, Alexandrina Ioana Costea, Sebastian Marina

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