Wo die Zeit stehen bleibt

Im kommenden Jahr jährt sich der Ausbruch des 1. Weltkrieges zum 100. Mal. Anlass genug, in dieser Theatersaison dieses Datum mit unterschiedlichen Produktionen zu würdigen. Auch das Theater Spielraum in der Kaiserstraße tut dies und zeigt eine Aufführung von Thomas Mann. „Der Zauberberg“ wurde von Gerhard Werdeker in eine Bühnenfassung gegossen, die vor allem eines tut – das im Theater allgemein übliche Tempo reduzieren. Was vielleicht auf den ersten Blick anachronistisch wirkt, ist beim genauen Hinschauen und Hinhören jedoch brandaktuell.

In drei Stunden Spielzeit mit einer Pause konfrontiert er das Publikum mit einem Hauptthema des Romans, der zwischen 1907 und 1914 – angesiedelt ist. Das Phänomen Zeit ist es, das Werdeker durch die einzelnen Figuren hindurch näher beleuchtet. Als Tuberkulosekranke sind die Akteure verdammt, in einer Klinik in Davos ihre Krankheit auszuheilen – was ohnehin fast niemandem gelingt. Vielmehr ist es ein Stehenbleiben in jeder Aktivität, ein Verharren in einem Ist-Zustand, der ungeahnte Ausmaße annehmen kann. Der junge Hans Castorp – sehr beeindruckend in seinem Reifungsprozess von Markus Hamele gespielt – bleibt anstelle von drei geplanten Wochen ganze sieben Jahre in dem Sanatorium und sieht Menschen kommen und sterben. Dem streng geregelten Tagesablauf sehr rasch verfallen, weigert er sich auch dann das Krankenhaus zu verlassen, als er dafür die Genehmigung von Hofrat Behrens erhält. Er ist der Oberarzt und Herrscher zwischen dem Verbleib „da oben“ oder der Entlassung „nach unten“. Tristan Jorde verkörpert den preußischen Gesundheitsverwalter bis hin zur Verneigung beim Applaus mit jeder einzelnen Faser. Zackig-markant schleudert er seine Durchhalteparolen seinen Patienten entgegen, lässt aber in jenen Momenten Gefühle erkennen, in welchen er bei seinem Langzeitpatienten Castorp die Feststellung macht, dass er gesund ist und keine Tuberkuloseinfektion in sich trägt.

Die Kälte der Umgebung spiegelt sich gut im kargen Bühnenbild wieder. Auf wenigen weißen Stufen, die an ein Gebirgsplateau erinnern, sind graue Sonnenliegen aus Metallrohr und Plastiküberzug aneinandergereiht. Auf ihnen sitzen Katharina Köller als Clawdia Chauchat und ihre Kollegen dem Publikum abgewandt und warten auf ihre jeweiligen Auftritte. Sie ist es, die mit ihrer leuchtend roten Robe auch optisch das erotische Element, das Thomas Mann mit ihr determiniert hat, in das Spiel einbringt. Meist abweisend, lässt sie sich erst dann zu einer Affäre mit dem jungen Castorp herab, als dieser aufhört, um ihre Gunst offen zu buhlen. Bei ihr ist die Krankheit ein willkommener Anlass aus ihrer Ehe zu flüchten. Bei Joachim Ziemßen (Christian Kohlhofer), dem Cousin von Castorp hingegen, bedeutet die Tuberkulose ein harte Lebensprüfung. Abseits seines Korps ist er als Soldat zum Nichtstun verdammt, das er letztendlich nicht erträgt.

Krankheit zeigt sich auf dem Zauberberg als Flucht oder als Fluch aber auch als logischer Endpunkt einer langen Familiengeschichte – wie dies bei Lodovico Settembrini (Matthias Messner bleibt bis zum Schluss dem italienischen Idiom bravourös verpflichtet) der Fall ist. Sein blassrotes Jackett spiegelt seine Charakterhitze wieder, die er aber nur rhetorisch ausleben kann, zu sehr ist er von der Krankheit selbst geschwächt. Sein Widersacher Leo Naphta hingegen – muss sich in einen dicken schwarzen Mantel und eine schwarze Mütze hüllen, um nicht zu erfrieren. Von ihm geht kein inneres Leuchten aus, keine Flamme der Begeisterung. Peter Fuchs spielt diese tragische Figur, die sich am Ende selbst das Leben nimmt, völlig nachvollziehbar. Klaus Uhlich als Mynheer Pieter Peeperkorn liegt mit seinem Auftritt weit außerhalb jeder gängigen Spielpraxis. Seine markige Stimme reicht aus, um auch Banales und Nichtausformuliertes bedeutungsschwanger erscheinen zu lassen.

Werdekers Inszenierung lässt sich als klassisch bezeichnen, bedenkt man, dass er ohne brachialen Zeitbezug auskommt. Die Kostüme tun hier ein Übriges, zwar nicht historisch korrekt, versetzten sie die Personen doch eindeutig an den Beginn des vorigen Jahrhunderts. Lange Monologe und unspektakuläre Szenenwechsel verleihen dem Geschehen etwas Fließendes. Etwas, das unaufhaltsam seinen Lauf nimmt und nur dann kurz zum Stehen kommt, wenn der Tod ein weiteres Opfer aus dem Sanatorium zu sich holt. Zeitgemäß ist die Inszenierung aber auch gerade wegen der ihr innewohnenden Langsamkeit. Zeit ist als solche nur dann begreifbar, wenn man sich ihrer bewusst wird. Das funktioniert am besten, wenn die permanente Reizüberflutung der wir Tag für Tag ausgesetzt sind, zum Stillstand kommt. Und tatsächlich geschieht dies an diesem Abend.

Die Schwarz-Weiß-Einspielungen von Schneeflocken, von einem verfremdeten Faschings-Gschnas und letztlich von grausamen Attacken hunderter Soldaten im Ersten Weltkrieg ergeben zusätzliche, sehr stimmige Gefühlsebenen. Im Theater Spielraum ergibt dies eine sehr stimmige Inszenierung mit schauspielerischen Höchstleistungen und Entdeckungen. Dass damit auch dem Nach-Denken viel Raum ermöglicht wird kann als zusätzliches Give-away aufgefasst werden.

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