Sein oder Nichtsein – das ist hier nicht die Frage

Florian Lebek und sein Hamletprojekt im „FensterNachMorgen“, der Nachwuchsschiene des Salon5 – im Brick5

Eine ausgesucht schöne Stimme vom Band rezitiert aus der Offenbarung des Johannes. Erzählt vom Untergang der Welt mit all seinen Gräueln und Monstern, die einst den Planeten beherrschen werden. Im Hintergrund dazu spinnt ein zarter Choral seine sakralen Fäden. Im weißen, metallenen Gitterbett liegt ein junger Mann. Graue Jogginghose, ein Feinrippleibchen, darüber ein offenes, elegantes Smokinghemd – nackte Füße. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Mann Hamlet, der Prinz von Dänemark ist. Oder seine späte Reinkarnation, oder eine imaginäre Gehirnfestsetzung, die Besitz ergriffen hat von einem, der sich nun in einer prekären Situation befindet. Im Irrenhaus. „Der Rest ist Schweigen“ – mit diesen Worten, den letzten aus Shakespeares Drama endet die Passage aus der Apokalypse, die Johannes so wort- und bildreich beschrieben hat. Und zugleich beginnt damit ein Parforceritt durch die Gedanken Hamlets alias Florian Lebek – jenem Autoren-Schauspieler, der waghalsig seine eigene Hamletidee auf die Bühne brachte.

Florian Lebek ist Hamlet ist Florian Lebek

„Hamlet habe ich schon seit Jahren im Kopf. Aber die Rolle ist mir noch nie angetragen worden. So habe ich beschlossen, selbst meinen Hamlet aufzuführen“ – O-Ton Lebek. Und was das für ein Hamlet geworden ist! Einer, der keines Widerparts bedarf, um den eigenen Wahn anschaulich zu machen. Einer, der sich mit seinem Embonpoint an kein Hamlet´sches Schönheitsideal anschmiegt. Ein Bein, das steif ist, ein hellwirrer Geist, eine energetische Kraftmaschine und ein Unbeugsamer, der nicht auf den Tod einer anderen Hand angewiesen ist – Lebeks Hamlet ist wahrlich nicht von gestern. Er steht direkt vor uns, beschimpft die eine oder den anderen aus dem Publikum schonungslos, jammert über seine eigene Schwäche und redet sich in Rage, um sein eigenes Ende schließlich selbst herbeiführen zu können. Hamlet räsoniert nicht über Sein oder Nicht-Sein. Nein, nein, das wäre zu einfach, zu platt, zu abgedroschen. Sondern er stellt fest: Ich darf nicht sein! – womit er sein Ende vorwegnimmt. Eingesperrt in seine eigenen, ihn permanent plagenden Gedanken lässt er das Publikum wissen, dass er nicht weiß, „was schiefgelaufen ist“, aber dass das Gefühl weg sei. Weg, das hätte er wohl gerne, weg ist das Gefühl aber nicht. Das zeigen seine emotionalen Ausbrüche, in denen er gegen eine brüllende Musik noch brüllender ankämpft. Ganz im Gegenteil: Seine emotionalen Verstrickungen, die in ihm wüten, werden deutlich, wenn er in einem umwerfend witzigen und zugleich beklemmend-atemberaubenden Daumenkino den Tod seines Vaters vorführt. Weg ist das Gefühl nicht, denn die Angst, die ihm ins Gesicht geschrieben steht, als er darum kämpft, seines Vaters Geist nicht als des Teufels Verführung auszulegen, spricht eine andere Sprache als eine, die keine Gefühle mehr kennt. Die Stimme des ermordeten Königs dringt in dieser Inszenierung, die sich Lebek ebenfalls selbst gönnte, aus einem Kurzwellenempfänger an sein Ohr, in sein Herz und in sein Hirn. Ob er es hören will, oder nicht. Amüsant humorig und spooky zugleich werden seine Wortfetzen wie Puzzleteile in den Raum geworfen und müssen von Hamlet zusammengefügt werden, so gut es geht. „Hamlet Omega 44801 Ende Aus“ – mit dieser Ansage meint man die letzten Worte aus dem Jenseits vernommen zu haben. Der Imperativ „Schwöre!“ Schwöre!“, welcher der Endformel aller Funker noch nachgesetzt wird, ist dann aber alles andere als komisch und eine Aufgabe, der Hamlet nicht gewachsen ist. Was soll er noch alles!

Er ist eingekerkert in ein weißes Zimmer, dessen flirrende Sterne an todbringenden Kabeln hängen und dessen weißer Ikea-Bettüberwurf ihm zugleich als Decke, aber auch als Königsmantel dient. Er ist sich bewusst, dass sowohl sein Handeln als auch sein Nicht-Handeln der Welt nichts Gutes hinterlässt. Ophelias Tod schleicht sich anfänglich durch einzelne Tropfgeräusche in seinen kleinen Raum. Als die Wassermassen akustisch anschwellen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sein Bett als „rettendes Ufer“ zu besteigen. Wohl wissend, dass es für ihn keine Rettung gibt, alles Rettende nur einen Aufschub bedeutet. Eine Verlängerung seines Lebensdramas, dem er nur durch den Tod entkommen kann.

Hofmann, Feik und Lebek – ein geniales Bühnentrio infernal

Lydia Hofmann begleitet in ihrer tiefschwarzen, seidigen Robe das Publikum in den Saal und entlässt es am Ende von dort auch wieder. Ihr roter Haarschopf und ihre Lebensfreude stehen Hamlets ungesundem Erscheinungsbild und seinen Lamenti diametral gegenüber. Die Bühnen- und Kostümbildnerin gibt sich gerne die Ehre, in den von ihr geschaffenen Raumgebilden jeweils selbst kurz aufzutreten. Sie verantwortet Hamlets eiskaltes Gefängnis und macht seine seelischen Verstrickungen mit ihrem ästhetischen Kabelvorhang anschaulich. Daniel Feik wiederum steuert jenen Sound bei, der das Hamletprojekt neben dem Text so unverwechselbar macht. Er lässt Choräle und Diskomusik gleichermaßen erklingen. Er verleiht Hamlets Vater eine Geisterstimme, wie sie sich für ein grünes Marsmännchens geziemt, aber er scheut auch jene Stille nicht, die Hamlets Tod durch den Kabelstrang begleitet.

Selten, ganz selten, ja eigentlich handverlesen sind jene, die nicht nur die Schauspielkunst beherrschen als wäre sie keine Kunst, sondern eine ihnen auf den Leib geschriebene Lebensselbstverständlichkeit. Aber noch seltener anzutreffen sind jene, welche die Texte, die sie dem Publikum darbieten, auch noch selbst zusammenstellen, umdeuten und zu einem neuen Ganzen formen, das in seiner Kreativität Bestand haben kann. Florian Lebek ist so einer. Wem das zu dick aufgetragen ist, der oder die hat noch an drei weiteren Abenden Zeit, sich selbst ein Bild zu machen.

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