Body me – body you

Im Odeon zeigten Doris Uhlich und Michael Turinsky mit „Seismic night“, dass es möglich ist, seine eigenen physischen Limitierungen zu überwinden. Turinsky, mit dem Uhlich bereits auf der Bühne agierte, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Auf ein Gerät also, von dem man meint, dass es den Menschen, die sich damit fortbewegen, eine große Freiheit anbietet. Die Annahme ist nicht ganz richtig, das wurde in der eineinhalbstündigen Performance deutlich. Darin kam auch Uhlichs Rüttelpodest zum Einsatz, das schon in den Produktionen „Universal Dancer“ und „Ravemachine“ verwendet wurde.

Mit dessen Hilfe lässt sich die Performerin und Choreografin nicht nur ordentlich durchrütteln, sondern sie nimmt diese neuen, von außen gelenkten Bewegungsmuster auch in ihr tänzerisches Bewegungsrepertoire auf und erweitert dadurch entscheidend ihre körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Dasselbe gilt für ihren Partner, der sich, einmal von seinem elektrisch betriebenen Rollstuhl befreit, wieder auf seine ureigensten Kräfte verlässt und ein langes Solo ohne technische Hilfsmittel zeigt. Dabei wird deutlich, dass, so sehr ein Rollstuhl auch Hilfe leistet, er auf die Bewegungsmöglichkeiten seiner Fahrerinnnen und Fahrer Einfluss nimmt und dieses Bewegungsrepertoire extrem eng hält. Kein Wunder, dass es nach dieser Erkenntnis zur Rebellion gegen die Technik kommt. Der Höhepunkt der Rollstuhlverweigerung wird in einer Szene gezeigt, in welcher mit hohem Energieaufwand und sichtbarer Wut ein Rollstuhl im wahrsten Sinne des Wortes zerlegt und seine Einzelteile über die Bühne geworfen werden.

Doris Uhlich Seismic Night (c) Peter Empl

Die Spiegelbild-Idee

Aufgebaut ist Uhlichs Choreografie spiegelbildlich. Das, was in der ersten Hälfte von ihr gezeigt wird, wird danach – bis hin zu ihrer Eingangsposition neben ihrem Rüttelpodest von Turinsky nachempfunden. Mit seinen eigenen physischen Ausdrucksmöglichkeiten, in denen er sich zum Teil an das von Uhlich vorgegebene Bewegungsvokabular anlehnt. Die Einschübe, die beide zugleich in Aktion zeigen, machen klar, dass diese Performance auf Augenhöhe ausgerichtet ist. Es ist nicht das Vorzeigen von Einschränkungen, das besticht, sondern die Erkenntnis, dass Einschränkungen überwunden und zu einem höchst persönlichen Ausdrucksstil werden können. Den Techno-Sound, dessen Schallwellen zeitweise auch vom Publikum verspürt werden können,  steuert über lange Strecken Boris Kopeinig bei.

„Body me – body you“ rappt Uhlich am Schluss der Performance und macht damit auch verbal noch einmal klar, dass sich die Waagschale des gegenseitigen Verständnisses genau im Lot befindet.

Individualität und Normierung

 

Salva Sanchis_Radical Light (c) Bart Grietens

Die zweite Produktion dieses Abends „Radical Light“ stammte von Salva Sanchis. Der spanische Tänzer und Choreograf, bekannt auch durch seine langjährige Zusammenarbeit mit Anne Teresa de Keersmaeker, zeigte mit einer fünfköpfigen Gruppe, wie sich Individualität im tänzerischen Ausdruck und das Befolgen einer Choreografie auf einer Bühne kombinieren lassen. Ein großes, orange-braunes Quadrat am Boden und wenige, zarte Lichtinterventionen, aber eine umso dichtere Soundinstallation von Senjan Jansen and Joris Vermeiren’s, dem musikalischen Duo von „discodesafinado“, boten den Rahmen für die Darbietung. Dabei wurde rasch klar, dass zwar die vier Männer und die einzige Frau auf der Bühne ihren eigenen Bewegungsintuitionen folgten. Zugleich aber gab es immer wieder Szenen, in welchen das Gemeinsame sichtbar wurde. Dazu gehörten gleichzeitig eingehaltene Tanzpausen  in freeze-Position genauso dazu wie kurze, synchrone Stellen.

Sanchis Produktion folgt nicht einem bestimmten Erzählmodus, sie bietet auch keinen undurchschaubaren oder auflösbaren Rebus an. Aber sie macht klar, dass es möglich ist, auch in einer Gruppe auf der Bühne seine Individualität zu bewahren und zugleich ein gewisses Regelwerk einzuhalten. Die Musik folgte durchgehend demselben Beat, 120 Schläge pro Minute, entwickelte sich aber von einem einfachen Soundlayer hin zu einer wesentlich komplexeren Komposition in der sogar Glöckchen, eine Orgel, Klatschen und das Klopfen der Typenhebel einer alten Schreibmaschine zu hören waren.

Sosehr die Einzigartigkeit der Performenden auch sichtbar wurde, so interessant ist auch die Feststellung, dass diese immer und immer wieder auf dieselben Bewegungsabläufe zurückgriffen und mehrfach wiederholten. Dieses Phänomen zeigt auch, warum Choreografien ihre Berechtigung haben: Sie lösen die natürlichen, intrinsischen Körpermuster und fügen weitere hinzu, die ohne Input von außen alleine nur schwer oder gar nicht erarbeitet werden können.

Ausbruch, Entgrenzung und der Versuch, physische und psychische Normierungen zu sprengen, kennzeichnete beide Produktionen und hielten sie wie eine große Klammer zusammen. Wie schon so oft auch eine bemerkenswerte Leistung der Impulstanz Festival-Programmation.

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