Ungesühnte Taten verjähren nicht

Von Michaela Preiner

Roberto Morales, Wilfried Steiner und Christian Schacherreiter. (Foto: Günther Gröger)
08.
Februar 2018
D er Vater von Adrian ist schwerkrank und eröffnet ihm und seiner Schwiegertochter, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Mit diesem Eingangsplot beginnt Wilfried Steiner seinen neuen Roman mit dem Titel „Der Trost der Rache“, der im Herbst vergangenen Jahres im Haymon-Verlag erschien.
Der Autor, vielen als künstlerischer Leiter des Posthofes in Linz bekannt, verwebt in seinem Text die Lebenslinien mehrerer Menschen, die sich unabhängig voneinander auf La Palma begegnen.
Nach dem Tod seines Vaters reist der verbeamtete Adrian mit seiner Frau, einer Psychologin, auf diese Insel, um sich seinen langgehegten Traum zu erfüllen. Der Hobbyastronom möchte dort das „Gran Telescopia Canarias“ besuchen, das als das größte Teleskop der Welt gilt. Doch auf der kanarischen Insel macht das Ehepaar eine folgenschwere Bekanntschaft mit einer höchst geheimnisvollen Frau. Sara, aus Chile gebürtig, lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Auch sie kommt auf die Insel nach einem Todesfall, allerdings hat sie ein gänzlich anderes Motiv als Adrian. Sie ist auf der Suche nach einem Mann, der in Chile ihre Familie zerstörte. Steiner verwendet für seine Erzählstränge jede Menge zeitgeschichtliches Hintergrundwissen. Dabei beleuchtet er den Putsch in Chile unter General Pinochet genauso wie die Auswirkung der Chicago-Boys auf dieses Land. Er macht aber auch auf Wilhelm Reich aufmerksam, jenen Psychoanalytiker, der bei Freud in Ungnade fiel und in Amerika während der McCarthy-Ära als Kommunist gefangen genommen wurde und nach wenigen Monaten Haft im Gefängnis verstarb. Vor allem aber geht der Autor der Frage nach, ob Selbstjustiz angesichts des Versagens des Gewaltmonopoles eines Staates legitim ist. Bis es aber so weit ist, führt er die Lesenden kurzfristig auf so manch falsche, zugleich auch vergnügliche Fährte.

Bei der Buchvorstellung im Brucknerhaus in Linz im Jänner las Wilfried Steiner nicht nur aus seinem Roman. In einer sehr poetischen, gelungenen musikalischen Verschränkung wurden auch Lieder von Viktor Jara gesungen. Jenem vom chilenischen Volk verehrten Protestsänger, dessen Lieder bis heute unvergessen sind und der von der Militärjunta umgebracht wurde. Der in Linz lebende Musiker Roberto Morales lieh Jara seine Stimme und ermöglichte mit drei vorgetragenen Jara-Nummern dem Publikum eine ganz besondere, sinnliche Anteilnahme an dem vom Autor selbst gelesenen Text. Darin präsentiert sich der Ich-Erzähler Adrian als ein zögerlicher, bedachter Mann, der das Leben eher aus einer Zuhörer- und Zuseherposition aus verfolgt denn als Draufgänger. Im Laufe des Geschehens entwickelt aber gerade er sich zu einem Helden wider Willen. Am Kulminationspunkt schreitet er ganz unerwartet zu einer Tat, die ihm niemand – auch nicht er selbst – zugetraut hätte. Damit hinterfragt Steiner auch die unterbewussten Motivatoren eines Menschen, seine tief liegenden, charakterlichen Eigenschaften, denen er sich selbst gar nicht bewusst ist.

Wilfried Steiner (Foto: Günther Gröger)

Obwohl Steiner ein Autor ist, der sich dem Realismus verpflichtet fühlt und obwohl in seinem Text jede Menge gut recherchierte, historische Fakten angeführt sind, zeichnet sich die Lektüre durch verschiedene Erlebnisschichten aus. Man findet bald Gefallen an der Selbstironie, die Adrian an den Tag legt.  Saras rätselhafte Familiengeschichte entwickelt einen Spannungsbogen, dem man gerne folgt. Der blutige Putsch in Chile und das jahrzehntelange Versagen der Justiz machen sprachlos und wütend und der unerwartete Handlungsdreh, kurz vor Schluss, versetzt die Leserinnen und Leser in eine Welt, in der Chaos und Gerechtigkeit nur einen Augenaufschlag entfernt zu sein scheinen.

„Der Trost der Rache“ ist ein Buch, das sich einer genauen Genre-Zuschreibung entzieht. Es ist sowohl ein unterhaltsamer Roman, aber auch ein spannender, politischer Krimi. Trotz aller Lese-Leichtigkeit, die es in sich trägt, bleibt letztlich die schwierige, ethische Frage nach einem selbst judizierten „Trost der Rache“ eine, die jeder und jede letztlich für sich selbst beantworten muss. Zu beziehen über Amazon oder Thalia.

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