Zitroniges Bewegungs-Vokabular

Akemi Takeya eröffnete die Performance-Serie „Redefining Action(ism)“, eine Kooperation von ImPulsTanz und dem mumok. „Lemonism x Actionism“ lautete der Titel ihrer Aktion, in der es mit Zitronen ganz schön zur Sache ging.

An einem der heißesten Tage des Jahres bot das mumok für Takeyas Vorstellung ein gelungenes Surrounding. Nicht nur, was die klimatisierten Räume betrifft. Mitten im Videoraum zur Ausstellung „Mein Körper ist das Ereignis – Wiener Aktionismus und internationale Performance“ hatte sie ihr Setting aufgebaut. Einen großen Kreis aus insgesamt 71 auf kleinen Holzstäbchen aufgespießten Zitronen, die jeweils eine schwarze Beschriftung aufwiesen. Akemi Takeya, die seit 1991 in Wien lebt, ist hier keine Unbekannte. Mehrfach trat sie mit Arbeiten auch beim ImpulsTanz auf und kooperierte mit zahlreichen heimischen und internationalen Künstlern.

Inmitten des Kreises liegt eine schwarze, quadratische Bodenauflage und darauf ist mit kleinen, weißen, beweglichen Lettern das Wort „Lemonism“ arrangiert. Takeya ist von Beginn an präsent, steht am Rand ihrer Installation und bepinselt sich mit schwarzer Farbe. Ihr Körper ist beim Publikumseinlass bereits so geschwärzt, dass nur ihre weißen Augen aus dem Gesicht blitzen. Nachdem sie die letzte Farbe durch Anblasen auf ihren Fingern getrocknet hat, betritt sie den Kreis, nimmt eine Zitrone und hält sie in einer offerierend-kriegerischen Geste einer Kamera entgegen. Das Bild wird auf mehrere, große Leinwände übertragen, das Objektiv fokussiert kurz und sichtbar wird eine gänzlich eingefärbte, schwarze Zitrone. In der Performance wird die Künstlerin eine Auswahl aus insgesamt 71 nummerierten und betitelten Aktionen vorführen. 00. Untitled „Internal Organs“ nennt sich die erst Aktion und die schwarze Zitrone zeigt auf, wofür sie steht. All jene unsichtbaren Organe in unserem Körper, die blutdurchpulst funktionieren, ohne dass sie von uns wahrgenommen werden. Der Beginn ist eine Art Referenz an das nun Kommende, nur mit dem Unterschied, dass alle Körperteile, die danach für jeweils eine kurze Aktion eine Hauptrolle spielen, sichtbar sind. So ist es auch nur logisch, dass Takeya für die inneren Organe keine Choreografie verbindet, sondern diese mit dem schwarzen Zitronen-Symbol nur aufzeigt. Die Videoprojektionen erhalten durch einen verwendeten Gelb-Schwarz-Filter eine eigene Ästhetik für sich. Jedes Still dieser bewegten Bilder könnte als Pars pro toto auch in jeder Ausstellung ganz ohne Aktion für sich stehen.

Der Zitronensaft markiert die Körperteile

Nach der Präsentation der schwarzen Frucht wird jede weitere Zitrone nach der Präsentation aufgeschnitten und ihr Saft auf jene Körperstelle geträufelt, die mit dem Titel in Zusammenhang steht. Ob in direktem oder einem indirekten, den die Tänzerin und Choreografin frei zugeordnet hat, spielt keine Rolle. In 01. Gliding Soul „Top of the head“ träufelt sie den Saft auf den Kopf. Der Schluss, den man daraus ziehen kann, ist, dass sich die Seele in Takeyas Vorstellung in dieser Körperregion manifestiert. Kurz darauf folgt das erste schmerzhafte Ereignis. In 03. Extravagant Vagrant „Left eye“ wird die Zitrone über dem offenen Auge ausgequetscht. Die rasch einsetzende Rötung wird emotionslos auf der großen Videowand wiedergegeben. Schwarzkogler, Brus, sie haben in den 60ern vorgezeigt, wie man seinen eigenen Körper als schmerzliche Projektionsfläche gebraucht. Takeya steht damit ganz in ihrer Tradition. Mit einem Unterschied: In den 60ern war jede dieser Performances ein Schockereignis.

Auch an diesem Abend wird dem Publikum mehrfach der Atem stocken. Dann, wenn sie das große Messer, mit dem die Zitronen zerschnitten werden, gegen sich selbst richtet. Damit zeichnet sie z. B. Schnitte quer gegen die Pulsader oder ein Pentagramm um den Bauchnabel. Ein direktes Zitat der Aktion „Die Lippen des Hl. Thomas“ von Marina Abramovic. Oder sie steckt es so zwischen ihre Oberschenkel, dass nur mehr der Schaft sichtbar bleibt. Valie Exports „Mann & Frau & Animal“ kommt einem dabei in den Sinn. Nur mit dem Unterschied, dass bei Takeya niemals richtiges Blut fließt. Diese Bilder von tödlicher Aggression, von ritueller Beschwörung oder sexueller Selbstbehauptung, die sich gut in den feministischen Diskurs der 70er Jahre einbetten ließen, sind nichts anderes, als eine Adaption derselben in einen neuen künstlerischen Kontext. Ganz dem Zeitfeeling entsprechend, bedient sich die Künstlerin aus einem reichen Fundus und ergänzt diesen mit neuen stilistischen Mitteln sowie einer ikonologischen Erweiterung.

Schmerz muss sein

Mehrmals noch werden Aktionen  gesetzt, in denen der Schmerz eine wesentliche Rolle spielt. Ihr „Aggressive Buddhist“ schlägt sich selbst auf den Oberarm, „A nameless dog“ beißt sich selbst in den Unterarm, die „Acrobatic Mummy“ dreht sich ausgestreckt am Boden um ihre eigene Achse und klatscht dabei so hart auf, dass jeder Schlag schmerzen muss. Es ist aber nicht nur die Präsentation der eigenen Geißelung, die angesagt ist. Einige der Titel und Aktionen zeigen Bewegungsmuster, die wie ein Vokabular gelesen werden können. So wie im klassischen Ballett Posen und Bewegungen formalisiert sind, bietet Takeya hier eine ähnliche Möglichkeit an. Mit „Quick watch“ bezeichnet sie eine Körperstreckung auf Zehenspitzen, für „Colorless Flower“ rubbelt sie von ihren Fingern die schwarze Farbe ab, „Bodily Body“ wiederum bezeichnet sogar eine komplette Choreografie. Zuerst von einem fixen Stand- und Spielbein ausgehend, folgt sie einem klaren Rhythmus, selbst mit den Füßen auf dem Boden erzeugt, bis der ganze Körper in Bewegung gerät.

„Zitronen sind in Japan sehr wertvoll und es kann passieren, dass sie, wenn sie gerade Mangelware sind, diese enorm teuer werden“. Die Erklärung Takeyas, warum sie diese Frucht gewählt hat, verdeutlicht die für uns befremdliche Wertigkeit. Sie bietet aber zugleich auch einen Hinweis für ihren Einsatz in dieser Performance. Die schwarze Schutzschicht, in die sich die Tänzerin zu Beginn eingehüllt hat, geht im Laufe der vielen Zitronenabreibungen zumindest partiell verloren. Zum Vorschein kommt eine helle, verletzbare Haut. Die wilde, archaische Kriegerin mutiert zu einer Frau des 21. Jahrhunderts, die in der Nachfolge der Urväter und Urmütter des Aktionismus ihren eigenen Zugang zur Performance gefunden hat und diese in einem tänzerischen Umfeld positioniert.

Akemi Takeyas Performance hat Folgen

Nach jeder Kurzperformance verbeugt sich Takeya mit gefalteten Händen und erweist dadurch immer wieder ihrer eigenen Herkunft eine Referenz. Die Verschränkung zwischen dem historischen Vorbild des westlichen Aktionismus der 60er und 70er Jahre und alten, japanischen Kulturtraditionen funktioniert in dieser Produktion bestens. Geografische Grenzen verschwimmen, Bewegungen und deren Bedeutungen werden aus ihrem kulturellen Ursprungszusammenhang gerissen und erhalten einen globalen Anstrich. Wie hybrid diese Aktion ist, kann man erahnen, wenn man sich vor Augen führt, dass an diesem Abend nicht einmal ein Drittel aller 71 Aktionen ausgeführt wurden. In weiteren Terminen im Herbst im mumok darf man in das Bewegungs-Vokabular von Akemi Takeya abermals eintauchen und dabei erfahren, wie sie mit Hilfe von Zitronen einen Squared Pumpkin, einen Air conditioned Lover oder ein Conceptual Pig aus ihrem Körper zaubert.

Previous

Next

Ihre Meinung ist uns wichtig.

Pin It on Pinterest