Sportlich muss man sein, um Martin Schwanda besuchen zu können. Seine helle Altbauwohnung liegt im dritten Stock eines Hauses nahe am Naschmarkt. Ohne Lift. Einmal die Stiegen erklommen, steht die Türe für meinen Besuch schon weit offen.

Martin Schwanda ist ein kommunikativer Mensch. Herzlich, offen, witzig, spritzig aber auch nachdenklich und empathisch. Vor wenigen Jahren sah ich ihn bei einer Aufführung des Salon5 das erste Mal auf der Bühne in Camera Clara. Man muss Schwanda nur einmal gesehen haben, um zu wissen, dass er ein Schauspielkapazunder ist. Am besten kann er dies in seinem One-man-Auftritt beweisen, in dem er am 15. März in der Roten Bar des Volkstheaters wieder brillieren wird.

Schwandas Paraderolle-n in der Hochstaplernovelle

Hochstaplernovelle (c) Christian Mair

In der Hochstaplernovelle von Robert Neumann spielt er nicht nur die Hauptrolle, sondern verkörpert darin alle Personen, egal ob männlich oder weiblich. Ein Stück, wie gemacht für diesen speziellen Raum im Wiener Traditionstheater, wird es doch inmitten des Publikums gespielt und fügt es sich auch zeitlich extrem gut in die Programmatik dieser Saison. „Der Text ist schon ein Wahnsinn, wenn man da einmal falsch abbiegt, dann kommt man irgendwo ganz anders raus!“, erklärt Schwanda halb belustigt, halb ehrfurchtsvoll, was die zu bewältigende Textmasse betrifft. „Wir (gemeint ist das Team des Salon5) haben das Stück ja auch schon als Hörspiel aufgenommen, das wir bald veröffentlichen werden. Deswegen hatte ich den Text auch bei meiner letzten Reise in Venedig mit dabei. Da ich allein war, konnte ich es mir dort bei meinen Spaziergängen über Kopfhörer anhören, was ja schon ganz lustig war, zumal das Stück unter anderem auch in Venedig spielt. Ich habe den Text ganz in mich aufgesaugt und entdecke immer wieder noch neue Schattierungen und Finessen.“

Die ersten Theatererfahrungen

Wenn man Schwanda über seine Rolle reden hört, kann man kaum glauben, dass er einmal knapp daran war, die Schauspielerei ganz sausen zu lassen. Nach dem Abschluss am Reinhardt Seminar kam er hochmotiviert in Augsburg ans Theater, um dort seinen ersten Dämpfer zu erhalten. Er empfand den Umgang miteinander dort extrem lieblos, die Bestzungen ohne jegliche Verantwortung für die Schauspieler ausgesucht. Er wollte nur spielen und das, was er gelernt hatte, ausprobieren, sich bedingungslos in Rollen hineinschmeißen und war todunglücklich, unpassende Rollen zugeteilt bekommen zu haben. Erst nach dem Wechsel der Leitung besserten sich für ihn die Umstände, sodass er insgesamt vier Jahre in Augsburg spielte. Zu spüren, dass ihn jemand wirklich dort am Theater wollte, das war für ihn eigentlich das Wichtigste.

Schon damals zeigte sich sein Unabhängigkeitsdrang, denn als die Schauspielleitung wieder wechselte, wechselte auch er von sich aus und ging nach einem kurzen Intermezzo in München an die Shakespeare Company nach Bremen. „Mit dem Ensemblegedanken von Max Reinhardt infiziert – einer für alle, alle für einen – war ich dort sehr gut aufgehoben.“ Es waren sechs glückliche Jahre, in welchen er das Ensemble mitgestalten konnte. „Ich hatte den Schlüssel vom Theater, was für mich ein Symbol war. Denn ich hatte das Gefühl, ich könnte um zwei Uhr nachts dort aufsperren, auf die Bühne gehen und Saxofon spielen, wenn ich wollte, was ich auch gemacht habe.“ Die Mitbestimmung, wer neu ins Ensemble aufgenommen wurde, oder welche Gastregisseure verpflichtet wurden, war ihm sehr wichtig. „Wir hatten auch anstrengende und aufregende Gastspiele, einmal sogar durch Indien. Dabei habe ich ganz schön viel gelernt. An einem Tag spielten wir in einem Riesensaal, am nächsten in einer Kulturscheune in der Pampa, wo der Bühnenboden schief war und alles immer wegrollte.“ In diesem kleinen Ensemble war es gang und gäbe, mehrere Rollen zu verkörpern, rasch hinter den Vorhang abzugehen und als jemand ganz anderer Sekunden später wieder aufzutreten.“ Im Rückblick betrachtet, war das die beste Schule für eine herausfordernde Rolle wie jene des Hochstaplers und all der anderen Rollen in dem Stück, die Schwanda so mit Leib und Seele verkörpert.

Die Liebe zum Spiel mit Masken

Auch heute noch reist er viel und gerne, beruflich und privat und hat dabei gelegentlich nicht nur seinen Text mit, sondern immer auch seine Kamera. S/W-Fotos sind seine Stärke, was auch viele Portraitaufnahmen von Freunden zeigen. An den Wänden im Wohnzimmer hängen Aufnahmen – aus Venedig – mit maskierten Menschen. Kein Zufall, denn Masken haben für den Schauspieler eine ganz besondere Anziehung. Vor wenigen Jahren inszenierte er sein erstes, eigenes Maskenspiel Amour Fou mit großem Erfolg im WUK und Kosmos-Theater und möchte an diesen Erfolg auch bald wieder anknüpfen. Am Wohnzimmertisch liegen braune Ledermasken, frisch aus Venedig mitgenommen. „Da gibt es ein kleines Geschäft, in dem ein Maskenbauer nach alten Vorbildern Masken für die Commedia dell`arte aus Leder fertigt, die ich dort einfach kaufen musste. Für mich als Schauspieler ist es ein Ideal, hinter einer Figur zu verschwinden und sie ganz und gar zu verkörpern. Mich reizt es, zu tun als ob, in eine andere Figur zu schlüpfen und die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, als ich sie so sehe. Das hat viel mit Empathie zu tun. Sich hineinzufühlen in jemanden, der in einer bestimmten Situation ist, etwas Bestimmtes tut, etwas Bestimmtes isst, in einer bestimmten Gegend wohnt und dabei zu spüren, wie sich das anfühlt. Als guter Schauspieler braucht man ein psychologisches Fingerspitzengefühl. Wenn man als Schauspieler sichtbar bleiben möchte, dann funktioniert das Spiel mit den Masken nicht. Ich finde aber gerade diese Arbeit sehr interessant. Eigentlich sind das Hochpräzisionswerkzeuge. Masken vergrößern in ganz unglaublicher Weise jede einzelne Aktion. Da genügt eine kleine Veränderung, ein Zentimeter in der Bewegung und schon ist die Aussage eine ganz andere. Interessant wird es immer dann, wenn das Publikum die Masken gar nicht mehr sieht, sondern die Figur im Vordergrund steht. Obwohl es beim Spielen mit Masken auch eine ganz knochentrockene Ebene gibt, bei der es egal ist, was du gerade denkst oder fühlst. Du kommst rein, bleibst stehen, hältst inne, zählst 21, 22, 23, drehst den Kopf schnell nach links, zack, kratzt dich langsam am Ohr und allein das erzählt schon eine Geschichte. Ich mag diesen handwerklichen Aspekt des Theaters auch gerne. Das hat viel mit Rhythmus und Musikalität zu tun.“

Von der Wichtigkeit des Handwerklichen

Auf die Frage, wie sehr man mit einer Rolle selbst verschmelzen muss, gibt der Schauspieler eine verblüffende Antwort.

„Ich finde das immer ein Märchen, eine Koketterie, wenn man nach der Vorstellung sagt: Ich bin noch nicht wirklich wieder da und ich bin noch auf so einer Reise. Mir geht es zumindest nicht so, dass ich die Schleuse in die Realität jemals nicht gleich wiedergefunden hätte. Ich finde es super, auch einmal hinter dem Vorhang rumzublödeln, dann rauszuspringen und voll drin zu sein. Klar braucht man Konzentration, aber vor einer Szene drei Stunden an meine tote Großmutter denken, damit ich in eine tiefe Emotion komme, das brauche ich nicht. Wenn ich als Figur genau weiß, was ich will, wenn ich mir genau vorstelle, in welcher Situation ich gerade bin und was das bedeutet, dann passieren die Emotionen ganz von alleine. Eine Emotion ist eigentlich nur ein Abfallprodukt einer klaren Handlung. Das zu wissen, entspannt viele sehr. Denn dann muss man nicht mehr Gefühlen hinterherjagen, sondern nur klare und konkrete Handlungen überlegen. Ich habe mich immer gerne auch körperlich neu erfunden. Ein anderes Muster wiedergegeben, einen anderen Rhythmus, andere Körperbewegungen, die Essenz eines Wesens zu erwischen und wiederzugeben und auf meine eigene Körpersprache zu übertragen, das macht mir großen Spaß. Wenn man es schafft, dass man hinter der Maske ganz verschwindet, oder übertragen im Theater eben hinter der Figur, wenn jede Pore zu dieser Figur wird, dann ist es toll. Ich mag die Abende lieber, wo ich die Schauspieler vergesse und mit den Figuren und dem Stück mitleben kann. Es gibt ja Kollegen, die sagen, ich bleibe immer ich, ich musiziere einfach einen Text, manches Mal in Grün, in Blau oder in Glitzer, aber ich bleibe immer ich. Auch das kann Kraft haben, aber ich bin da eher altmodisch. Beim Unterrichten oder auch beim Regieführen schreibe ich ja manches Mal mit und wenn ich dann vergessen habe, mitzuschreiben und nur gedacht habe: Hoffentlich geht´s gut aus, ganz naiv, dann habe ich gewusst, das waren die großen Momente.“

Die Bühnen außerhalb des Theaters

Martin Schwanda (c) Andrea Klem

Schwanda ist ein Vielseitiger. Ob als Schauspieler auf Bühnen fix engagiert, wie er es in jungen Jahren in Augsburg und in Bremen an der Shakespeare Company war oder – was ihm ganz besonders liegt – als Gast an großen Häusern oder in einer schurkischen TV-Rolle in einem Tatort. Ob als Coach, der Unternehmern oder angehenden Wirtschaftsleuten in ihrem Studium beibringt, dass Schauspiel nicht nur auf der Bühne, sondern tagtäglich mit uns allen und in uns allen passiert. Oder ob als Lehrer, wie derzeit in einer Verpflichtung als Rollenlehrer für 8 Wochenstunden am Max Reinhardt Seminar, seiner eigenen Ausbildungsstätte, mit der er sich sehr verbunden fühlt. Immer sind es die Mittel des Theaters, die in seiner Arbeit im Zentrum steht und die er auch abseits der Bühnen vermittelt. In ein reines, lokales Theaterkorsett eingezwängt zu sein, ist nicht wirklich Seines. Ohne Bühne zu agieren aber auch nicht.

„Ich bin heilfroh, nicht um Rollen betteln zu müssen, oder von einer einzigen Institution abhängig zu sein. Selbst inszenieren, unterrichten, in einem tollen Team wie dem Salon5 immer wieder mitarbeiten zu können, dann wieder wie jüngst im Volkstheater in einer schönen Rolle als Gast aufzutreten – dabei fühle ich mich wirklich wohl.“ Diese Arbeitsweise hat auch etwas mit seinem familiären Umfeld zu tun. Seine beiden Kinder wohnen bei ihrer Mutter in Norddeutschland und so bleiben für die gemeinsame Zeit mit ihnen nur die Ferien und Wochenenden übrig.

„Dass sich mein Sommerengagement am Thalhof in diesem Jahr so wunderbar ausgeht und ich mit meinen Kindern zusammen sein kann, darüber bin ich wirklich froh“, erklärt der Familienmensch sichtlich erleichtert. Vor die Wahl gestellt, auf der Bühne zu agieren oder die wenige Zeit, die er mit seinen Kindern hat, gemeinsam intensiv zu verbringen, entschied sich Schwanda bis jetzt immer für seine Kinder. Mit einer kleinen Einschränkung: „Manches Mal kann ich am Wochenende nicht zu ihnen kommen oder muss einen vereinbarten Termin verschieben, wenn es beruflich überhaupt nicht anders machbar ist. Aber ich achte sehr darauf, den Kontakt mit meinen Kindern so intensiv wie möglich zu gestalten.“

Arbeiten außerhalb des Theaters erweitert den Horizont

Zu seinen Aufträgen in der Wirtschaft hat Schwanda einen ganz besonderen Zugang. „Auch in der Wirtschaft geht es wie im Theater darum, einen Inhalt zu verpacken. So eine Arbeit abseits des Theaters wird von manchen Kollegen gering geschätzt, mit dem Argument, dass es den Künstlern am Theater ja nur um die Kunst gehen müsse. Es gibt da auch viele Vorurteile und Berührungsängste. In beide Richtungen. Ich möchte aber gelegentliche Ausflüge in andere Arbeitswelten nicht missen, weil es meinen Horizont erweitert und ich viel mehr von der Welt mitbekomme, was ich dann wieder auf meine Theaterarbeit übertragen kann. Das ist für mich das Spannende daran. Es gehört für mich beides dazu, das Arbeiten im Theater oder am Film und das Arbeiten draußen, mit Menschen, die nicht vom Theater sind, aber mein Wissen und meine Erfahrung davon brauchen können. Wenn du einen guten Inhalt hast, musst du auch schauen, dass er in einem schönen Licht steht. Das ist sonst so, als ob man ein schönes Bild hätte, das in einem dunklen Raum ohne Rahmen steht und nicht beachtet wird. Das ist genau das, was ich mit diesen Leuten auch mache, den Inhalt ihrer Arbeit so gut zu verpacken, dass er auch dementsprechend wahrgenommen wird. Mit ihnen an ihrer Präsenz arbeiten und daran, Selbstvertrauen zu bekommen ins eigene Tun, in die eigene Präsenz, das ist dabei meine Aufgabe.“

Schwanda unterrichtet seit einigen Jahren auch an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz. Mit den Studierenden des Studiengangs „Musikvermittlung“ arbeitet er an einer guten Bühnenpräsenz und Auftrittsgestaltung. Und er hält an der FH Wien pro Semester eine Lehrveranstaltung rund um nonverbale Kommunikation und Auftrittsgestaltung ab.

„Dabei geht es mir darum, den Leuten zu zeigen, dass es nicht immer perfekt zugehen muss, etwas auch einmal einen Sprung haben kann. Mich interessiert es dann, wenn es menschlich wird, mich berühren auch Leute mehr, die loslassen können und zeigen können, dass sie nicht immer so toll sind. Menschen, die einmal ausatmen können und bei denen man dann draufkommt: Aha, das ist ja auch nur ein Mensch wie ich, vielleicht einer, der gerne etwas Anderes machen möchte, der vielleicht einen Beruf hat, der ihm nicht gefällt, aber im Grunde sich dasselbe wünscht wie ich auch.“

Das Glatte, Perfekte, Verkopfte mag Schwanda nicht

Das Aalglatte liebt Schwanda überhaupt nicht, aber nicht nur, wenn er an gewisse Wirtschaftstypen denkt, an „fleischgewordene Excel-Tabellen“, wie er sie nennt, zu denen er keinen Zugang findet. Aber er schätzt das Glattgebügelte auch am Theater nicht. „Das Glatte, Perfekte, Verkopfte mag ich überhaupt nicht. Egal ob in der Wirtschaft, in der Politik oder im Theater: Wenn Menschen als Menschen nicht wirklich etwas zu sagen haben und nur ihr eigenes Ego vor sich hertragen, dann interessiert mich das überhaupt nicht. Gutes Theater muss mich einfach berühren. Es kann toll sein, einem Schauspieler zuzuschauen, der handwerklich toll ist, bei dem man sich denkt: Wahnsinn, was kann der noch alles machen?!, aber diese Faszination lässt schnell nach, wenn das nicht mit Seele unterfüttert ist. Auch in der Wirtschaft und in der Politik ist das so. Leute, die sich nicht hinter ihrer Fassade verstecken oder an ihren Krawatten anhalten müssen, sondern auch ihre Unvollkommenheit zeigen können, sind jene, die wir alle viel mehr akzeptieren und die auch glaubhafter sind.“

Unterrichten bedeutet auch, das Selbstwertgefühl zu stärken

Schwanda sieht seine Aufgabe im Unterricht am Reinhardt Seminar auch darin, den Leuten das Gefühl zu vermitteln, dass sie von Haus aus grundsätzlich voll in Ordnung sind. „Neben der Vermittlung des Handwerks und der Erfahrungen und der Herangehensweise an Rollen, versuche ich, Ihnen auch Vertrauen in sich selbst zu geben. Ich möchte ihnen zeigen, dass es nicht darum geht, immer perfekt zu sein, sondern zu seiner eigenen Persönlichkeit zu stehen. Die jungen Studenten und Studentinnen am Reinhardt Seminar wollen ja ganz viel und werden auch ordentlich hergenommen, weil es eine sehr persönlichkeitsfordernde Ausbildung ist. Da geht es schon sehr an die Grenzen. In Einzelgesprächen merke ich oft, dass viele von ihnen tief im Inneren nervös und unsicher sind und immer wieder sogar auch Angst haben, das aber nach außen nicht so zeigen. Wenn man mit ihnen dann darüber spricht, sind sie ganz überrascht, dass es den anderen – und auch mir immer wieder – auch so geht, denn sie denken, dass sie der oder die einzigen wären, die sich so fühlen. Mein Ideal ist es, dass sie, wenn sie ihren Abschluss gemacht haben, neben der hohen handwerklichen Professionalität auch an Sicherheit gewonnen haben und zu sich stehen können, so wie sie sind und auf der Bühne ihr künstlerisches Potential voll entfalten können. Dass sie als starke künstlerische Persönlichkeiten mit einem gesunden Selbstbewusstsein das Reinhardt Seminar verlassen. Und was den handwerklichen Aspekt des Rollenstudiums betrifft, hab` ich große Freude daran, Ihnen sowohl den Umgang mit Sprache, mit Musikalität, mit Rhythmus, als auch mit sehr körperlichen Spielweisen und Figurengestaltungen zu vermitteln. Weil mir das liegt und Freude macht. Auch da kommt mir meine Beschäftigung mit Masken sehr zugute. Ich nehm` immer mal wieder welche mit in den Unterricht und wir experimentieren damit herum. Und es ist großartig, was die Masken aus den Studierenden rausholen, ohne dass ich irgendetwas mache. Und das macht Spass und befreit, wenn man mal zu verschreckt oder zu sehr im Kopf ist. Oder wenn es zu psychologisch wird.

Ein Häuschen im Grünen

Hochstaplernovelle, Martin Schwanda (c) Christian Mair

Auf die Frage, ob er nicht gerne an einem bestimmten Haus fix engagiert wäre, antwortet Schwanda: Wenn ich sehe, dass Kollegen von mir große Karriere an einem großen Haus gemacht haben und eine große Bekanntheit erlangt haben, dann denke ich mir manches Mal, ob ich das nicht auch haben hätte können. Aber dann sage ich mir wieder: Ich habe auch etwas vorzuweisen. Halt etwas Anderes. Würde ich unbedingt an einem bestimmten Theater sein wollen, dann wäre ich es wahrscheinlich auch, denn ich bin schon ein ziemlicher Berserker, der sich holt, was er haben will. Aber ich kenne auch genug KollegInnen, die fix an tollen Häusern engagiert sind und auch nicht wirklich Freude damit haben. Die können sich vielleicht auch noch ein Häuschen im Grünen leisten und bekommen im Caféhaus einen besseren Platz, aber glücklicher als ich scheinen sie auch nicht zu sein. Ich habe mit meinem Lebensmodell zunehmend meinen Frieden gefunden, weil es mir so eine enorme Vielseitigkeit ermöglicht. Ich tu` das ja auch nicht aus einer Not heraus, sondern aus dem tiefen Interesse, auch mit Leuten zusammenzukommen und zusammenzuarbeiten, die aus einem ganz anderen Kontext kommen. Das ist für mich letztlich als Schauspieler auch Futter ohne Ende.“

Die letzte Frage, warum gerade Unterrichten für ihn in seinen vielen Schattierungen so interessant ist, offenbar einen ganz persönlichen Hintergrund.

„Ich glaube, weil ich das selbst nie wirklich ausreichend hatte. Oder erst sehr spät. Einen Mentor, der hinter mir steht. Ein Vorbild, jemand, der mich an der Hand genommen hat und mir gesagt hat: Ich zeig dir einmal was. Das fängt schon mit der eigenen Familie an – ein Vater, ein Onkel, ein großer Bruder, der sagt: Heute zeige ich dir, wie man raucht und morgen, wie man Bier trinkt.“ Schwanda lacht herzlich. „Die führende Kraft, die vermittelt: ich bin der Erfahrene, Ältere, du bist voll in Ordnung und ich war auch einmal jung und ich zeig dir jetzt wie´s geht, die hat mir in vielen Situationen gefehlt. Ich glaube, dass ich andere Leute gut machen kann, weil mich in meinen jüngeren Jahren nie jemand gut gemacht hat. Ich bin da so sensibilisiert darauf, weil ich genau weiß, was fehlt und welche Unsicherheiten da sind. Inzwischen habe ich viele Themen für mich gelöst, aber die Sensibilität für diese Probleme ist mir geblieben. Ich sehe einfach sehr schnell, wenn jemand vor sich davonläuft oder wenn jemand so tut als ob. Wenn jemand auf der Bühne rumfuchtelt, das aber nicht wirklich meint, dann sehe ich das schnell. Dann versuche ich ein wenig Ruhe in das Spiel zu bringen, die Leute mehr zu erden und den Leuten das Vertrauen zu geben, dass es das alles gar nicht braucht. Aber auch umgekehrt den Bescheidenen sagen: Du darfst dich ruhig auch einmal bemerkbar machen und dir deinen Platz erobern! Ich musste sehr oft Stücke und Rollen spielen, bei denen ich dachte: Was hat sich die Regie dabei jetzt wieder ausgedacht? Ich fang` mit dem Text, dem Stück und den Kollegen nix an und finde auch den Regisseur blöd und ich mag das nicht machen, aber ich muss. Da muss man dann aber eine eigene Haltung finden, um dem Ganzen noch einen Sinn zu verpassen. Manchmal war das dann eine spielerische Fingerübung, bei der ich mir sagte: Gut, dann mach ich da zumindest eine freakige Figur daraus, die es so noch nicht gegeben hat, wurscht welche Aussage das jetzt hat, weil Aussage kann ich da jetzt auch nicht mehr reinpappen. Ein anderes Mal war es so, dass ich mir gesagt hab: Es ist wichtig, dass die Menschheit das gesehen hat. Und wenn sie nur sagt, der Typ da hatte was, auch wenn sie alles andere gleich vergessen hatte. Diese Eigenverantwortung für die eigene Theaterarbeit finde ich auch wichtig, zu vermitteln. Wenn ich jemanden im Unterricht übernehme, dann mache ich mich zum Anwalt für diese Person. Leute die es auf die Bühne zieht, wollen gesehen und wahrgenommen werden und wenn ihr Lehrer sie dabei nicht ernst nimmt, stärkt das nur die eigenen Ängste.“

Das Gespräch mit Martin Schwanda führte Michaela Preiner.

Das Meerschweinchen Mucki

p.s.: Während des Schreibens konnte ich mich nicht mehr genau an die Anzahl der Stockwerke erinnern, die ich zum Interview erklommen hatte und fragte daher kurz per SMS an, im wievielten Stock der Schauspieler wohne und ob es auch ein Mezzanin gäbe:

Hier seine Antwort, die ich nicht vorenthalten möchte:

Sehr interessante Fragen: …mein erstes Meerschweinchen hieß übrigens Mucki (von Nepomuck), unsere Schildkröten Pünktchen und Anton, und meine beiden (!) Hamster Niki. Ich hatte übrigens auch Kaulquappen, einen Molch und Mäuse (alle selbts gefangen)……..falls das noch wichtig ist.

Wer Martin Schwanda bei seinen nächsten Auftritten sehen möchte, dem sei seine höchst originelle Homepage empfohlen.

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