Wenn das das Paradies ist, wie sieht dann die Hölle aus?

Das Weltmuseum im äußersten Trakt der Neuen Hofburg befindet sich derzeit in einem Interimsstadium. Nichts ist mehr wie es war, aber noch ist nichts, wie es einmal sein wird. Im Rahmen von ImpulsTanz nutzte Claudia Bosse mit ihrem theatercombinat einen Teil der ehemaligen, nun leer geräumten Ausstellungsräume im 1. Stock. Sie zeigte darin während der Zeit des Festivals eine Installation mit dem Titel „a second step to ideal paradise“, eine Nachfolgearbeit zu „a first step to ideal paradise“, die beim Donaufestival in Krems präsentiert wurde.

In Wien durfte Bosse nun für den dritten Teil ihrer Serie im umfangreichen Bildarchiv des Museums stöbern und schaffte in zwei Monaten eine Sichtung von ungefähr 40.000 Bildern. Ein Bruchteil des tatsächlichen Bestandes. Fotos, die entsorgt werden sollten, einige wenige originale ethnographische Stücke, wie ein kleiner Schrumpfkopf, sowie reichlich Material, welches das theatercombinat selbst beisteuerte, bildeten schließlich ausreichend Anschauungsmaterial, um Bosses Idee zu unterstützen, beim Publikum einen Shiftwechsel in der Wahrnehmung von anthropologischen Sammlungen hervorzurufen.

In der Performance „A third step to ideal paradise“ unterstützten Bosse vier Performerinnen und zwei Performer. Dabei wurde das Publikum zu Beginn in vier Gruppen eingeteilt, die sich je eine Führungsperson aus dem Ensemble aussuchen durfte. Bosse, die ihre Ausstellung in verschiedene Themenbereiche gegliedert hatte, ließ die Männer und Frauen ihres Ensembles jeweils zu Beginn des Betretens eines neuen Raumes Fragen stellen wie: „Gibt es bei uns außerhalb der Religion noch Riten?“ So ausgestattet, legte sie Gedankenstraßen, die sich jedoch anschließend ganz individuell weiter bauen ließen. Im Saal „ritual, fetish, society“ umriss Ilse Urbanek die Verwandlung von weiblichen Geschlechtsidentitäten im Zeitraum von ihrer Geburt kurz vor dem Krieg bis heute. Zwischen dem Kopf eines Eisbären, eines Fuchses und einem kleinen menschlichen Schrumpfkopf unter einem Glassturz, ließ sie sich von den unterschiedlichen Objekten, die in rituellem Kontext gerne mit Energieträgern der Ahnen auftauchen, inspirieren. Für junges Publikum mag manches, was Urbanek hier erzählte, wie aus einer anderen Welt geklungen haben. Rechtliche und sexuelle Unterdrückung, die Erfindung der Pille, die sexuelle Revolution, die Neuerfindung des weiblichen Körpers mit den Zwängen des Schönheitswahns – im Schnelldurchlauf konnte man dabei die umwälzenden Entwicklungen des 20. Jahrhunderts nachvollziehen. Entwicklungen, die mit dem Schlagwort des Feminismus, das hier jedoch nie verwendet wurde, zurecht als eine der wichtigsten philosophischen Strömungen des vergangenen Jahrhunderts bezeichnet werden. Bosse geht es in erster Linie nicht um theoretischen Erkenntnisgewinn. Es sind vor allem durch den Körpereinsatz ihres Ensembles beim Publikum ausgelöste Gefühle und Empathien, die sie hervorruft, um Prozesse in Gang zu setzen, die auf der rein reflektorischen Ebene anders wirken würden.

Bosse, die Theatermacherin, arrangierte die einzelnen Performances so, dass diese ihren Ausgangspunkt im Heute fanden und von dort aus mannigfache Verbindungen zu den teilweise historisch anmutenden Ausstellungsobjekten aufbauten. Im Raum „object“, in dem nichts anderes als eine mehrfach langsam auf- und abglimmende Glühbirne und ein geöffneter Metallkoffer zu sehen war, lauschte man im Dunkel der von Bosse erfundenen Geschichte des im Nebenraum präsentierten Schrumpfkopfes. Michael o`Connor unterstrich dies mit einer Choreografie, die sich entlang der ehemaligen Ausstellungskästen bewegte. Sein Verschwinden und Wiederauftauchen, sein Sich-Krümmen und Revoltieren, der dunkle Raum und die sanfte Stimme, welche die Wanderung des Kopfes von einem glücklosen Besitzer zum nächsten dokumentierte, ergaben einen intensiven Erlebniszustand, dem man sich nicht entziehen konnte.

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Véronique Alain und Elisabeth Tambwe verkörperten im Saal „eroticism anthropology“ zwei Frauen, die durch ihre körperliche Präsenz vor und neben den vielen Nacktaufnahmen im Raum – Bildmaterial vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert – mannigfaltige Assoziationen hervorriefen. Auch der über Band eingespielte Text über das intime Näherkommen eines Mannes zu einer ihm bis dahin unbekannten Frau oder die Erzählungen eines jungen Prostituierten konnotierten das Geschehen automatisch sexuell. Dabei drängte sich angesichts der Besetzung von Elisabeth Tambwe die Frage auf, welche Gefühle denn sie, die aus der Demokratischen Republik Kongo stammt, in den Räumen des ehemaligen Völkerkundemuseums entwickelte. Eine Frage, die sich umgekehrt in europäischen Volkskundemuseen nie stellen würde, da die dort ausgestellten Objekte, nicht in einem kolonialen Kontext gesammelt wurden. Oder, um es realitätsnäher zu beschreiben, die nicht wie außereuropäische Kulturgüter ihren jeweiligen Gesellschaften in vielen Fällen geraubt wurden. Es sind gerade Fragestellungen wie diese, welche das Projekt besonders spannend machen und neue Denkprozesse in Gang bringen.

Im Eingangsbereich der Schau wurde nicht nur die Rolle der Kolonialmächte, die Museen mit ethnologischen Objekten als Aneignung und Zur-Schau-Stellung ihrer Besitztümer ansahen, sondern auch jene der Kuratoren angerissen.  Dabei kam Bosse zu dem Schluss, dass jede Sammlung einen oder auch mehrere ganz individuell geprägte ideologische Hintergrundpositionen aufweisen. Mit dem Terminus „Ideologie terror“ überschrieb sie jenen Raum, dessen Thema das Phänomen der Enthauptung darstellt. Florian Tröbinger verkörperte darin einen jungen Mann, der über eine lange Zeit hinweg regungslos in einem Eck stand. Währenddessen hörte das Publikum einen Text über die Geschichte der Enthauptung und die Momente, die ein Delinquent unmittelbar danach physisch noch erleben kann. Es fehlten dabei aber auch nicht einige Bilder und Hinweise, in welchen jüngst von der IS getötete Menschen gezeigt wurden. Da sich Tröbinger nach und nach gänzlich entkleidete und sein Mienenspiel zunehmend höchste Traurigkeit erkennen ließ, konnte man seine Rolle als die eines Opfers identifizieren, das am Ende der Performance nackt inmitten der Gruppe auf dem Boden lag. Wer hier den Nerv hatte, die anderen Besucherinnen und Besucher zu beobachten, konnte bemerken, wie rundum die Spiegelneuronen ihre Aufgabe wahrnahmen und jene Gefühle erweckten, die dramaturgisch beabsichtigt waren. Ein Mensch, nackt und traurig vor einem stehend, bewirkt gänzlich andere Emotionen als Worte, die auch noch so minutiös Gräueltaten beschreiben. Eine Professionistin wie Bosse weiß diesen Mechanismus geschickt zu nutzen.

Ein abschließendes Ritual, in dem alle Akteurinnen und Akteure eingebunden waren, erfasste nach und nach die Körper der Beteiligten. Am Boden sitzend, wurden sie von einer Art Schüttellähmung erfasst, die einen Trancezustand imitierte, der in vielen Ritualen nicht nur dazu dient, einen anderen Bewusstseinszustand zu erreichen, sondern der auch als Reinigungsprozess angesehen wird.

„A third step to ideal paradise“ brachte das Publikum in viele Erlebniswelten, nur nicht in jene, die man als paradiesisch bezeichnen könnte. Vielmehr lieferte Bosse eine gnadenlose Demaskierung des Bildes des „frei und paradiesisch lebenden Wilden“; einem westlich zentrierten Gedankenkonstrukt, das in der Romantik seine Kulmination erlebte. Diese Dekonstruktion, so man sich auf sie einließ, bewirkte Erkenntnismomente abseits von herkömmlichen Rezeptionen nach Besuchen von ethnologischen Sammlungen. Und, das die größte Leistung des theatercombinats, dieser Shiftwechsel ist ein nachhaltiger. Wie immer sich das neue Museum zukünftig auch präsentieren wird, die gedanklichen Assoziationen zu den darin ausgestellten Objekten werden für das Publikum, die diese Performance miterlebten, sicherlich nicht in Richtung erträumtes Paradies fließen. Die Frage, ob es Möglichkeiten gibt, neue Ideen für übergreifende, gesellschaftsverbindende Rituale zu erarbeiten, bleibt unbeantwortet. Dass die Suche danach bereits zu einem zumindest westlichen Phänomen geworden ist, schlägt sich in Arbeiten wie dieser oder jener von Rita Vilhena nieder, die auch bei diesem Festival präsentiert wurde. Sie fließt auch in philosophische Überlegungen ein, die Armen Awanessian klar und deutlich benennt, wenn er über neue Modi philosophischen Denkens spricht: „Gemeinsamer Ansatzpunkt der nicht notwendig miteinander kompatiblen spekulativen Positionen ist die Problematisierung einer spätestens seit Ende des 20. Jahrhunderts erschöpften (post)modernen Kondition. Signum dieser Denkansätze ist ihr positives Verhältnis zur Ontologie und eine erneute Bejahung von Metaphysik.“ (1)

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Kurzinfo über Armen Avanessian hier

(1) Armen Avanessian (Hg.), Realismus Jetzt, Merve Verlag Berlin, 2013

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